Am Morgen

Durch die Schlitze der Rolladen dringt das Sonnenlicht herein und Sie öffnet langsam die Augen. Da wo er gestern noch lag ist das Bett leer und ihre Hand tastet suchend in seiner Betthälfte. Bedauernd stellt Sie fest, dass auch hier nichts von dem Körper zu finden ist, der sie gestern Nacht so begehrte und liebkost hat. Kurz verwirrt ordnet sie nun auch die Geräusche aus der Wohnung richtig. Sie seufzt und schließt lächelnd ihre Augen.

Aus dem Flur dringen Schritte und leichtes Geklirre, dann öffnet sich leise die Tür. Sie lässt weiterhin ihre Augen geschlossen um ihn im Glauben zu lassen, dass sie noch schläft. Er kommt in das Schlafzimmer und stellt ein Tablett neben dem Bett ab. Dann hört sie, wie er die Rolladen ein wenig hochzieht und das Fenster öffnet. Von draußen weht eine leichte sommerlich kühle Morgenbrise hinein. Der Duft von frischem Kaffee und warmen Brötchen kitzelt in ihrer Nase.

Sie spürt, wie er sich ihr nähert, sein Atem streift ihre Haut. Ein leichter Kuss erblüht auf ihren Lippen und er raunt ihr lächelnd zu “Ich weiß, dass Du wach bist, mein Engel. Guten Morgen Schatz.”

Müde schaut sie ihm in die Augen, sieht das Lachen in seinem Blick und seufzt auf. Neben dem Bett steht ein Tablett mit Kaffee, Milch, Süßstoff, zwei Tassen, Brötchen, Butter und Marmelade. Mittendrin thront eine weiße Lilie mit einem kleinen Kärtchen. Sie schaut ihn fragend an und greift nach dem kleinen Umschlag, öffnet ihn und liest die Worte. Ihr Blick sucht den seinen, sie richtet sich auf, umarmt ihn und sie küssen sich mit einer Zärtlichkeit, für die es neue Maßstäbe bedarf. Sie lassen sich gemeinsam wieder auf das Bett sinken, ihrer Hand entgleitet die offene Karte.

“Für die beste Frau der Welt.”

Laute Stille

Wenn man ein Glas oder einen Teller fallen lässt, dann entsteht ein lautes, schepperndes Geräusch. Wenn ein Fenster zerbricht, ein Tischbein zersplittert oder ein Bild von der Wand stürzt, kann man es hören.  Aber wenn das Herz bricht, geschieht es vollkommen lautlos. Eigentlich würde man denken, weil es so wichtig, so schwerwiegend ist, macht es einen Mordskrach oder es erklingt vielleicht eine Art zeremonieller Ton, ein symbolischer Gong, eine Glocke. Aber es passiert lautlos, obwohl man sich beinahe wünscht, da wäre ein Laut, der einen von dem Schmerz ablenkt.

Wenn es ein Geräusch gibt, dann im eigenen Innern. Ein Schrei, den niemand hören kann außer man selbst, so laut, dass dir die Ohren klingen und der Kopf wehtut. Er zappelt in der Brust herum wie ein gefangener Hai, er brüllt wie eine Bärin, der man ihr Junges weggenommen hat. So sieht er aus und so klingt er - wie ein riesenhaftes Tier, das brüllend um sich schlägt, sich panisch aus der Falle zu befreien sucht, gefangen in seinen eigenen Gefühlen.

Aber das ist es ja mit der Liebe, niemand ist vor ihr gefeit. Sie ist wild, roh, wie eine offene, dem Salzwasser ausgesetzte Fleischwunde, und wenn diese Wunde wirklich aufbricht, dann geschieht es lautlos. Du schreist im Innern, und keiner kann Dich hören.

Manchmal bedarf es keiner Worte um festzustellen, dass zwei Herzen brechen. Es war Zeit aufzuhören auf gemeinsamen, imaginären Wolken umherzuspatzieren und die Füße wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurückzubringen, mit dem sie immer verwurzelt bleiben sollten.

Einsamkeit

tulpenNoch immer sitzt sie da, wie in Trance, schaut wie paralysiert durch den Strauß Tulpen, der ihren Küchentisch schmückt. Und ebenso wie die Tulpen den Tisch zieren, erhält ihr Gesicht durch ihre Tränen eine besondere Note.  Eine Note, die ihr überhaupt nicht schmeckt, wie sie bemerkt, während die nächste, salzige Träne ihre Lippen erreicht.

Ihre Gedanken kreisen um ihr Leben. Sie lebt. Sie liebt. Aber immer ist der bittere Beigeschmack da, der sie von Zeit zu Zeit einholt. Sich aufopfern, hingeben, gut tun. Aber wem? Jemandem, der es nicht tu schätzen weiß? Jemandem, der es sich einfach macht und all das Vorteilhafte aus dem Ganzen egoistisch raus saugt? Sie fühlt sich verletzt, leer und ausgelaugt. Wie lange macht sie das mit? Wie lange lassen ihre Emotionen dies zu?

Die Einsamkeit ist nicht ihr Problem. Sie hat gelernt einsam zu sein. In schwierigen Momenten ist sie immer einsam. Gefühle sind erstarrt, denn die Einsamkeit hat sie verschlungen. Einsamkeit. Ein komisches Wort, ein falsches Wort? Sie weiß es nicht. In der Realität ist sie nicht einsam. Viele Freunde sind da. Das ist aber auch alles. Letzten Endes ist sie doch einsam, wenn sie alles addiert. Was bleibt, sind mutige Gedanken, die sich mutlos im Nichts auflösen.

Hoffnung heißt das Zauberwort, mit dem sie sich seit Jahren zufrieden gibt. Hoffnungsvoll  starrt sie mit glasigem Blick den Strauß Tulpen an und wünscht sich, endlich mal wieder zu erblühen. Aber wie jeder Strauß bunter Blumen dahin welkt und durch einen neues Bouquet ersetzt wird, weiß sie, daß sowohl Hoffnung als auch Gefühle immer wieder auf’s Neue erblühen können….

China vs. Japan

Japanerinnen sehen immer so traurig aus und das mag er. Sie erinnern ihn immer an Regen und an die Fotografien aus Tokio, die seine Mutter in sein Zimmer gehängt hat. Und an kalte Fische, die man zusammenrollen muss, damit sie halten.

Gerne würde er sich Japanerinnen mal in echt angucken, aber dazu müsste er ja nach Japan fliegen und dafür hat er natürlich kein Geld. Er hat ja schliesslich ein sehr kostspieliges Hobby, er erschiesst  große Tiere, die er vorher kauft und das kostet nunmal eine Menge Geld. Große Tiere sind halt teuer, weil sie a) groß sind und weil es b) ziemlich illegal ist, große Tiere zu erschießen. Man kauft sie von zwielichtigen Menschen, die sich beispielsweise die Hände tätowieren lassen und selbst das ist teuer, weil man in Japan oft betrogen wird. Also kann er nicht fliegen und ist nunmal auf die Gastarbeiterinnen hier in Deutschland angewiesen.

Viele sind es nicht, die meisten arbeiten in den chinesischen Imbissen um die Ecke und tun so, als wären sie Chinesinnen. Aber ihm konnten sie nichts vor machen, denn er hat ihr Spiel längst durchschaut! Er erkennt es an ihren Augen, denn Chinesinnen haben ganz andere Augen. Außerdem sehen die nicht traurig aus, eher devot und das ist ja was ganz anderes. Das hat seines Wissens nach was mit Sex zu tun und das interessiert ihn irgendwie nicht so.

Irgendwann hat er den falschen Chinesinnen gesagt, daß er weiß, dass sie Japanerinnen sind und dann waren sie ganz schön erschrocken und haben schon wieder so komisch geguckt. Wie Japanerinnen halt so gucken! Als er dann noch so fies gegrinst hat, haben die noch komischer geguckt und vermutlich gedacht, er würde sie jetzt abschieben lassen. Und dann hat er ihnen gesagt, dass man das auch anders regeln könne. Da haben sie an Sex gedacht, obwohl sie keine wirklichen Chinesinnen sind. Aber er hat ihnen gesagt, dass er sich dafür nicht so interessiere, und seitdem kann er jeden Tag etwas zu essen im Wert von sieben Euro bei ihnen aussuchen.

Nur nett sind sie jetzt nicht mehr zu ihm, aber auch das ist ihm egal. Er mag sie trotzdem gerne ansehen. Wie die immer gucken? So traurig, daß er manchmal ganz depressiv wird. Einmal musste er sogar weinen, da ist er ganz schnell rausgerannt und hat sich das Essen einpacken lassen.

Das müssen die ja nun wirklich nicht sehen, die komischen Japanerinnen…

Machtspielchen

Zum Einstimmen in meine kleine Kurzgeschichte, bitte ich Euch, dieses elektronische Musikstück namens “Dormicum” begleitend anzuhören (nur, wenn Ihr möchtet, natürlich).  Viel Spaß!

(produced by Logistica Lux)

Sie sagte nichts, während er stillschweigend alle Ecken der gemeinsamen Wohnung begutachtete, in der Hoffnung, nun all seine Sachen gepackt zu haben. Leise Wehmut in seinem Innern, Erinnerungen, die nicht immer schön waren, zogen sich wie düsterer Nebel durch seinen Kopf.

Ihre arrogante Stille war immer noch viel zu laut, um sie zu ertragen. Er fragte sich, wie sie so eiskalt sein konnte? Er spürte ihre Blicke, die sich wie scharfe Messer in sein Rücken bohrten. Wie gelähmt stand er da, der Boden unter seinen Füßen schien sich wie eine gallertartige Masse zu bewegen und der Moment der Machtlosigkeit brachte ihn um den Verstand. Liebend gerne würde er mit seinen Händen die Messer aus seinem Rücken rausholen um sie ihr wie kleine, schnelle Wurfgeschosse in ihr hasserfülltes Herz zu rammen.

Sie war es doch, ich ihn betrogen hatte! Sie war es, die ihm weis machen wollte, dass sich dadurch die Gefühle zum ihm nicht ändern werden. Und er Idiot war so naiv und hat ihr geglaubt. Nicht im Traum hat er zu glauben gewagt, dass sie zu all den Dingen fähig war, die sie in den vergangenen Monaten getan hat. Wie konnte sie den Spieß so umdrehen um ihn als den letzten Trottel vor allen stehen lassen?

Frauen, dachte er, Geschöpfe der Hölle, die den Tod verdient haben. Ihre Blicke schmerzten ihn und als ihn die lähmende Starre los ließ, drehte er sich um. Sie erschrak, als sie die in seinen Händen fest umschlossene Magnum erblickte. Ihre Augen zeigten deutlich den Ausdruck von Angst und Panik, doch genau das wollte er sehen. Genau dieser Moment erfüllte ihn mit einer Gier nach Macht. Die Macht, die sie ihm, wie ein Vampir, Tag für Tag, immer mehr ausgesaugt hat, bis sie die Herrscherin über sein Leben wurde. Nun war der Zeitpunkt da, die Rache für all die Pein. Nein, sie wird ihn nicht mehr betrügen, nicht mehr hasserfüllt anschauen, sie wird nicht mehr mit anderen Frauen in ihrem gemeinsamen Bett schlafen.

Gefühle? Nicht ändern? Nur eine Sekunde. Abzug. Ein lauter Knall! Gefühle…

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